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Liebe, Mitgefühl und das Bedürfnis nach Spiritualität
Gewalt, Wut und Aggression sind ein Gesellschaftsphänomen, das anscheinend immer bedrohlicher wird. Doch nicht nur im Außen erleben wir Achtlosigkeit und emotionale Kälte, sondern auch im Umgang mit uns selbst. Über Wege aus diesem Dilemma sprach SEIN-Redakteurin Cornelia Regler mit der spirituellen Lehrerin Mariananda.
SEIN: Die Gewaltbereitschaft Jugendlicher nimmt dramatisch zu, aber auch immer mehr Rentner landen im Strafvollzug. Erleben wir eine Verrohung der Gesellschaft?
Mariananda: Selbstverständlich erleben wir eine Verrohung der Gesellschaft, und das ist auch relativ einfach zu erklären. Je extrovertierter, das heißt, je mehr die Gesellschaft ausschließlich nach außen, auf materielle Dinge gerichtet ist, desto roher wird sie. Weil es darum geht: Ich will das auch haben, und das will ich auch haben, und das muss ich auch haben. Und wenn ich es nicht bekomme, dann empfinde ich mich entweder als Versager, was mir keine gute Laune macht, mich gegen mich gerichtet aggressiv macht. Oder ich werde auf die anderen, die es haben, sauer, oder ich verwirre mich darüber. Das sind die drei DINGE, von denen der Buddha sagt, dass sie Leid verursachen. Man leidet, weil man etwas von sich weist, oder weil man unbedingt gierig etwas haben will, oder weil man nicht genau weiß, was oder ob man etwas haben will, also sich darüber verwirrt. Insofern kann man auf vielen verschiedenen Ebenen gucken, woher die Aggression kommt. Grundsätzlicher aber gilt, dass viele Menschen keinen oder kaum mehr einen essentiellen, d.h. inneren Hintergrund haben, an dem sie sich orientieren können. Der Werte-Hintergrund ist nur im äußeren, materiellen System selbst begründet und weist nicht über das materielle System hinaus. SEIN: Das bedeutet ja, dass die Bedeutung der Familie abgenommen hat, denn da sollen ja Werte vermittelt werden, die dieser Konsumhaltung entgegenstehen.
SEIN: Viele Kinder wachsen in halben Familien auf, in denen der Vater als jemand, der Grenzen setzt, fehlt. Ist vor diesem Hintergrund die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen als ein Schrei nach Grenzsetzung zu verstehen?
SEIN: Das liegt ja auch daran, dass Eltern mit ihren Kindern immer weniger sprechen und die Kinder Sprache aus dem Fernsehen lernen.
SEIN: Was kann man tun?
Mariananda: Wie früher, Märchen vorlesen, bei denen sich die Eltern langweilen und die Kinder sagen: "Man sieht ja gar nichts." Oder es gibt so abgeklärte Eltern, die sagen: "Oh, oh, ein Mord im Märchen, wie schlimm" und überhaupt nicht kapieren, dass ihre Kinder heimlich vor dem Fernseher sitzen, wenn nicht zuhause, dann bei Freunden. Nein, ich glaube, dass es so herum nicht geht. Das ist alles Flickschusterei. Es sind seit über 30 Jahren dieselben Fragen: Warum werden die Kinder immer aggressiver?
Nebenbei sind es nicht nur die Kinder!! Die Gründe liegen darin, dass unser System - welches System das auch immer sei - nicht von einem inneren spirituellen Kern gehalten wird, nicht darauf bezogen ist, was im Innersten allen Religionen gleich ist, nämlich Liebe und Mitgefühl. Oder anders ausgedrückt: wir vertiefen nicht mehr einen inneren Ehrenkodex, man kann es auch "Gewissen" nennen, das jeder hat. Wenn man etwas tiefer buddelt, weiß jeder, das ist gut und das ist schlecht. Das ist uns angeboren. Ich war vor vier Wochen in München bei Amma, Amma der großen indischen Heiligen. Da waren an jedem Abend ungefähr 8000 Leute. Sämtliche Schichten, vom Nadelstreifenanzug bis zum Rastalook, die alle mit derselben Geduld, mit derselben Sehnsucht gewartet haben, dass irgend jemand da ist, der sagt: komm her, ich gebe dir etwas, das mehr ist als die Tatsache, ob du einen Mercedes hast oder nicht. Das hat mich unglaublich berührt, weil ich gemerkt habe, das Bedürfnis nach Spiritualität liegt nur knapp unter der materiellen Oberfläche verborgen. Ganz viele Menschen wagen wieder zu sagen, ich glaube an Gott, die zehn Gebote sind mir wichtig. Mich hat es sehr positiv erstaunt, dass unser Innenminister Herr Schily gesagt hat, dass er mit seiner Tochter abends betet und dass er tatsächlich an Schutzengel glaubt. Das hat mich erfreut. Ich denke, wir sind noch nicht ganz tief unten im Tal angekommen, aber es bewegt sich bereits wieder etwas nach oben, weil die Menschen unglücklich sind. Niemand ist wirklich glücklich dabei, wenn er seinen Nächsten umlegt und nur gierig nach Materie durch die Welt rennt.
SEIN: Wie ist es zu erklären, dass immer mehr Menschen nach einem tieferen Sinn in ihrem Leben suchen?
Mariananda: Weil das in uns liegt. Weil wir zwei Möglichkeiten haben: entweder wie die Wahnsinnigen dem Äußeren, dem Materiellen hinterherzujagen, was ja, wenn auch für sehr wenige Menschen, eine Weile sehr gut funktioniert hat. Dann aber merken die Menschen langsam, dass sie das, was sie meinten, damit zu bekommen, nicht bekommen haben. Sie sind nicht glücklicher, zufriedener, anteilnehmender geworden. Selbst multiple Orgasmen erschöpfen sich nach einer Weile und fangen an, einen zu langweilen. Man kann auch nicht mit fünf Hintern in fünf Mercedessen gleichzeitig sitzen. Ich spreche jetzt nicht davon, ob Leute so etwas haben, sondern ob sie es begehren. Sie merken, dass das gar nicht so glücklich macht wie sie erhofft hatten. Sie sind sogar unzufrieden. Kinder sind da einfach noch offener, sie merken noch schneller, was keine wirkliche Erfüllung bringt. Deshalb ist die Aggressivität dort am unverhohlensten zu erkennen. Und das schlägt dann irgendwann um und die Menschen beginnen nach inneren, nicht-materiellen Werten zu suchen.
SEIN: Stellt sich jeder Mensch in einem gewissen Alter einmal die Frage nach dem Sinn des Lebens, oder bedarf es besonderer äußerer Umstände?
Man kann das bei Kindern mit drei, vier Jahren sehen. Es gibt unglaublich vernünftige, erwachsene, höfliche, auf den anderen achtende Kinder.
Dann gibt es Kinder, die hauen in die Fresse, wo sie es kriegen können. Das ist nicht mit den Eltern, nicht mit der Herkunft und nicht mit dem Kulturkreis zu erklären. Es gibt immer reife Seelen und es gibt sogar alte Seelen, die meistens sehr zurückgezogen leben. Reife Seelen sind auch dazu da, junge Seelen zu unterrichten. Ich habe das Gefühl, dass im Moment etliche alte Seelen auf einen Haufen pubertierender Jugendlicher stoßen, die überhaupt noch nicht kapieren, wo es lang geht. Das ist eine große Aufgabe.
SEIN: Welche Grundwerte sollten Eltern ihren Kindern vermitteln?
Interview aus
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